Weihnachtseinkäufe

Maestro2k5

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Weihnachtseinkäufe

Sie geht wieder los. Sie wissen schon was ich meine, die schrecklichste Zeit des Jahres. Die Vorweihnachtszeit. In keiner anderen Zeit des Jahres liegen die Nerven derart blank, gehen derart viele Beziehungen durch schwere und schwerste Krisen.

Denn kurz vor Weihnachten werden bei Frauen längst verloren geglaubte Instinkte wach, ein kleiner Bereich des Großhirns wird temporär aktiv, den ich nach langen, bitteren Studien das "Rabattzentrum" nenne. Kurz vor Weihnachten verschickt eines unserer Darmstädter Wäschegeschäfte in einem Akt von Konsumterrorismus Einkaufsgutscheine. Der Wert liegt meist bei 5 Euro. Ein plumper Akt der Kundenmanipulation werden Sie jetzt sagen, aber glauben Sie mir, es wirkt.

Frage ich zart nach :"Ist der Laden nicht ziemlich teuer?", werde ich schnell belehrt: "Aber es gibt doch Rabatt, das dürfen wir uns nicht entgehen lassen." "Wir", wieso eigentlich "wir"?

Kaum flattert solch ein Gutschein in unseren Briefkasten werden bei meinem Weib normalerweise ordungsgemäß unterdrückte Beutetriebe ausgelöst. Vor einem prall gefüllten Kleiderschrank stehend versagt akut ihr Wahrnehmungsvermögen. "Ich habe nichts anzuziehen." Wenn dieser Schlachtruf durch unsere Wohnung hallt versuche ich mich eigentlich ihrem Zugriff zu entziehen, indem ich beginne den Keller aufzuräumen, oder ähnlich lange vernachlässigte Tätigkeiten ausübe (ich habe da so eine Liste...). Meine bessere Hälfte durchschaut die Aktion gewohnheitsmäßig und wenige Stunden später finde ich mich in der Darmstädter Fußgängerzone wieder.

Kleiderkauf ist ein altes Trauma von mir.

Ich gehe, im seltenen Fall, dass ich ein neues Beinkleid brauche in mein favorisiertes Jeansgeschäft und rufe der meist jungen, normalerweise hübschen und immer beschämend schlanken Verkäuferin eine geheimnisvolle Zahlenkombination zu an die ich mich noch aus meiner Jugend zu erinneren glaube. Wenige peinliche Augenblicke später korrigiere ich meine Größenschätzung in Richtung Realität und gehe kurze Zeit darauf mit einem Paar neuer Hosen einen Espresso trinken. D.h. zur Sicherheit nehme ich meistens gleich zwei Paar mit.

Gehe ich aber mit meinem Schatz Einkaufen, wird ein einfaches Vorhaben zu einer mittelschweren Odysee. Besonders im Fall Unterwäschekauf. Ich habe ja überhaupt nichts gegen Unterwäsche, was ich nicht mag, ist beim Wäschekauf zu assistieren.

Kaum betreten wir einen Laden der diese importierte, sündhaft teure Spitzenwäsche feilbietet verlässt die Situation den Bereich des Beherrschbaren. Den 5 Euro-Gutschein in der Hand beginnt ein Beutezug, der die Plünderung Roms durch die Barbaren als schlappen Straßenkarneval erscheinen lässt.

"Schatz, halt das doch mal eben." Mit diesen Worten bekomme ich dann ca. 8 Tüten mit unseren bisherigen Einkäufen überreicht und werde skrupellos alleine gelassen. Es gibt wenig einsameres, als einen Mann in einem Damenunterwäschegeschäft. Nur eines ist noch erniedigender - von seiner Frau mit dem Kauf von Monatshygieneartikeln betraut zu werden. Wussten Sie, dass 80% der Männer, die das Wort "Damenbinde" auf ihrem Einkaufszettel entdecken nicht nach Hause zurückkehren? In Frankreich hat man sogar eine Selbsthilfegruppe für derart Geschädigte eingerichtet. Die Fremdenlegion ist aber kein Thema für mich, deshalb harre ich meistens brav dort aus, wo ich zurückgelassen werde.

Meine Idee ist ja, das in solchen Geschäften spezielle Unterhaltungs-Ecken für abgestellte Männer eingerichtet werden mit Video und Bar. Jedes bessere Möbelhaus hat ja auch ein Kinderparadies. Außerdem könnte ich dann nach angemessener Zeit die ultimative Rachemaßnahme einleiten - eine Lautsprecherdurchsage: "Willi möchte aus der Männerecke abgeholt werden!" oder so ähnlich.

Nach kurzer Zeit - wobei das eine relative Angabe ist - kommt mein Schatz dann bei mir vorbei um mir die Funde zu präsentieren. Ich werde sogar nach meiner Meinung gefragt. Irritierenderweise werden meine Aussagen normalerweise aber grob uminterpretiert.

Sage ich beispielsweise: "Das steht dir bestimmt wunderbar", erhalte ich Antworten wie: "Dieser Lappen, meinst du ich ziehe so was an?" Ich frage gar nicht mehr, warum Sie es dann überhaupt mitgebracht hat.

"Das ist hübsch.", wird mit "Ich frage mich für welche Frauen die sowas schneidern." gekontert. Und sagen Sie um Himmelswillen nie: "Bestimmt sehr bequem". Wenn sie als Antwort nur "Findest du ich bin zu fett?" erhalten, haben Sie noch Glück. Ich habe schon erwachsene Männer erlebt, die auf den Knien hinter ihrer eingeschnappten Gattin hergerutscht sind, um sie davon zu überzeugen, dass sie ihre Zuneigung nicht von Äußerlichkeiten abhängig machen. Armselige Kreaturen, die sich schon jetzt von ihrer Selbstachtung und ihrer Kreditkarte verabschieden können.

Ich bin dazu übergegangen gar nicht zu antworten und fahre damit hervorragend. Die Antworten geben sich Frauen nämlich im Allgemeinen selbst.:

"Das ist doch niedlich, oder?" - "Obwohl, in der Farbe steht mir das nicht"
"Findest du dass mich das dick macht?" - "Aber mit diesem süßen Top geht das schon."
"Das Material ist doch wunderschön, nicht wahr?" - "Mein Gott, das muss man ja mit der Hand waschen."

Ich nenne diese Art der Gesprächsführung "autonomen Dialog". Wer sich nicht einmischt überlebt.

Nach knappen 2 Stunden, dürfen wir dann endlich zur Kasse gehen. Sie hatte in der Zwischenzeit die komplette Kollektion des Geschäftes zweimal anprobiert, und sich dann für drei Teile entschieden, deren Stoffmenge einem normalen Herrentaschentuch entspricht, wobei der Preis aber vermuten lässt, dass es sich um Teile des Turiner Grabtuchs handelt.

Seltsamerweise überreicht die nette Dame an der Kasse dann immer mir die Rechnung...

Aber was solls, wir haben ja den Gutschein.

Quelle:

[DLMURL]http://www.w-akten.de/darmstadt/darmstadt7.phtml[/DLMURL]
 
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